Norderney – Borkum

Etappe 3: 38,2 Seemeilen / 29.06.2026

Norderney verlassen wir bei ausreichend Wasserstand und unter günstigen Bedingungen, sodass wir das Schluchter Tief problemlos passieren können. Bis zur Emsmündung nutzen wir den schwachen Wind, der selbst unseren Gennaker etwas müde wirken lässt. Langsam trägt er uns mit gerade einmal zwei bis drei Knoten Richtung Ems. Die See liegt ruhig da, und die Weite des Wattenmeers begleitet uns noch ein letztes Mal, bevor die Nordsee wieder ihren ganz eigenen Charakter zeigt. 

Mit einlaufendem Wasser gleiten wir mit bis zu 8 Knoten in die Emsmündung. Als wir die dreibeinige Leuchtbake der Fischerbalje passieren und auf den Bundesschutzhafen Borkum zulaufen, zeigt die Nordsee einmal mehr ihre Kraft. Tim kennt diese Gewässer seit seiner Kindheit. Aufgewachsen mit den Segeltörns seiner Familie im nord- und ostfriesischen Wattenmeer, steuert er Nalu ruhig und konzentriert durch die von Tide und Strom geprägte Ansteuerung.

Doch auch mit Erfahrung bleibt die Einfahrt beeindruckend. Hier verwandelt der mächtig setzende Tidenstrom, der das Wasser der Nordsee in Richtung Ems drückt, die Ansteuerung zeitweise in eine kleine Wildwasserfahrt. Die Fischerbalje wird zwar durch einen Leitdamm geschützt, verhält sich aber dennoch weniger wie eine gewöhnliche Hafeneinfahrt als vielmehr wie ein Fluss mit starkem Querstrom.

Besonders deutlich wird das an den umströmten Fahrwassertonnen. Es fühlt sich an, als würde das Schiff auf einem unsichtbaren Förderband laufen, das quer zum gewünschten Kurs zieht. Man steuert scheinbar falsch, direkt auf das Flach zu, um tatsächlich den richtigen Kurs über Grund zu halten. Ein merkwürdiges Gefühl, selbst wenn man weiß, was passiert. Das Ruder bleibt dauerhaft belastet, Kursänderungen müssen frühzeitig und entschlossen eingeleitet werden. Den Bug gegen den Strom vorhalten, der Maschine vertrauen, den Versatz akzeptieren – und wenige Augenblicke später ist die schwierigste Passage geschafft.

Im Bundesschutzhafen angekommen, verschaffen wir uns zunächst einen Überblick über die Liegeplätze. Borkum ist mit rund 31 Quadratkilometern die größte der ostfriesischen Inseln und blickt auf eine lange Geschichte als Seefahrer- und Walfängerinsel zurück. Heute teilen sich Sportboote, Traditionsschiffe, Behörden- und Berufsschifffahrt die begrenzten Liegeflächen des Hafens.

Viele der Liegeplätze, die Tim von früher kannte, sind inzwischen der Berufsschifffahrt gewichen. Nalu ist mit ihren rund 18 Tonnen nicht gerade ein Leichtgewicht. Als wir nach einem Platz im Päckchen suchen, werden wir von den Crews der deutlich leichteren Boote eher skeptisch beäugt.

„Bloß nicht hier.“

„Hier bitte auch nicht.“

Zumindest scheinen die Blicke genau das zu sagen.

Wir drehen zwei Runden durch den Hafen, bis wir schließlich an genau das richtige Päckchen verwiesen werden: zu den schweren Seeschiffen auf der anderen Seite des Stegs. Hier liegen die Schwergewichte unter sich. Wir sind uns auf Anhieb sympathisch.

Kaum festgemacht, werden wir von Wiebke von der Traditionsseglercrew mit offenen Armen empfangen und ebenso wie die Crew des zweiten Schiffes spontan zum Abendessen und Schokoladendessert eingeladen. Später am Abend stößt noch die junge Crew eines Aluminiumschiffes aus Brüssel dazu.

Per Stille Post verbreitet sich schließlich unser Plan für den nächsten Tag. Mit dem ablaufenden Wasser wollen wir am Mittag Richtung Niederlande aufbrechen. Die Traditionssegler werden gemeinsam mit uns auslaufen und uns noch ein Stück begleiten, sogar durch die Nacht hindurch.


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