Vollmond, Meeresleuchten und ein „Tannenbaum“ auf der Nordsee
Etappe 04 | 111,8 Seemeilen / 30.06. – 01.07.2026
27 Stunden liegen hinter uns, als am Morgen des 1. Juli 2026 endlich der Hafen von Den Helder am Horizont erscheint. Hinter uns liegen Borkum und eine unvergessliche Nacht auf der Nordsee – vor uns wartet Den Helder, der größte Marinehafen der Niederlande.
Mit rund 20 Knoten Wind verlassen wir die Ems und lassen uns erneut hinaus auf die Nordsee tragen. Bewusst halten wir ausreichend Abstand zur Küste. Unsere Route führt zwischen dem Verkehrstrennungsgebiet, der „Autobahn“ der Berufs- und Großschifffahrt und dem Land. So vermeiden wir den küstennahen Verkehr und gewinnen genügend Seeraum. Wie vorhergesagt flaut der Wind wenig später deutlich ab.

Besser hätten die Bedingungen für unsere erste gemeinsame Nachtfahrt nur zu zweit kaum sein können. Die Nordsee liegt ruhig vor uns, in silbriges Mondlicht getaucht. Über uns ein strahlender Vollmond, unter uns das geheimnisvolle Meeresleuchten. Der Nordostwind trägt uns zuverlässig nach Südwesten, während der Gezeitenstrom etwa alle sechs Stunden in dieselbe Richtung mitläuft und uns zusätzlich anschiebt. Es sind diese seltenen Momente, in denen einfach alles zusammenpasst.
Anfangs weht sogar etwas mehr Wind als erwartet. Nalu nimmt Fahrt auf und gleitet scheinbar mühelos durch die Nacht. Neben uns segelt noch immer der Traditionssegler mit der freundlichen Crew, die wir zuvor in Borkum kennengelernt haben. Langsam verschwindet seine Silhouette im Mondlicht, bis schließlich nur noch die Positionslichter in der Dunkelheit zu erkennen sind.

Es sind diese kleinen Begegnungen, die eine lange Seepassage unvergesslich machen. Eine neugierige Robbe begleitet uns über mehrere Seemeilen und taucht immer wieder neben dem Boot auf. Wenig später entdecken wir auf dem Vorschiff eine völlig erschöpfte Hummel. Nach einer winzigen Portion Honig sammelt sie neue Kräfte und verschwindet mit entschlossenen Flügelschlägen wieder Richtung Festland.
Während die Sonne langsam im Westen versinkt, übernimmt die zweite große Himmelslaterne ihre Aufgabe. Die Mondin taucht das Meer in ein beinahe magisches Licht. Leuchtfeuer um Leuchtfeuer identifizieren wir auf unseren digitalen und analogen Seekarten, zählen ihre Blitze und verfolgen aufmerksam unseren Kurs.
Plötzlich erscheint am Horizont ein hell erleuchtetes Objekt. Auf keiner unserer Seekarten ist etwas eingezeichnet, auch das AIS liefert keinen Hinweis.
Tim hebt das Fernglas. „Sieht aus wie ein Tannenbaum.“
Einige Stunden später, beim Wachwechsel gegen drei Uhr morgens, folgt trocken:
„Wenn der Tannenbaum sich merkwürdig verhält, dann weck mich einfach.“
Dieser entpuppt sich wenig später wie vermutet als gigantische Bohrinsel. Ihre unzähligen Arbeitslichter lassen sie schon aus vielen Seemeilen Entfernung wie einen leuchtenden Weihnachtsbaum erscheinen.
Als um 05:23 Uhr die schöne, scheue Schöpferstunde wieder ihren Lauf nimmt, stehen beide Gestirne sich für eine Weile gegenüber. Und wir mittendrin. Einfach magisch.
Die Insel Vlieland liegt querab in südwestlicher Richtung. All die funkelnden Lichter ringsum verwandeln sich im Morgengrauen wieder in kleine Fischerboote, Ansteuerungstonnen und die Konturen der niederländischen Küste. Es sind genau diese Augenblicke, die sich tief ins Gedächtnis einprägen und jede Nachtwache unvergleichlich werden lassen.
Querab liegt inzwischen die Insel Vlieland. Von hier aus zieht sich die Küste noch viele Seemeilen bis Den Helder. Dank des günstigen Windes können wir fast bis vor die Hafeneinfahrt segeln. Erst zum Manövrieren im Hafen starten wir den Motor.
Vor der Einfahrt melden wir uns über Funk bei „Den Helder Traffic“ an und erhalten kurze Zeit später die Erlaubnis zum Einlaufen. Sofort bestätigt sich, was wir bereits in den Törnführern gelesen haben: Den Helder ist DER Marinehafen der Niederlande. Hier ist richtig was los: Zwischen Marineschiffen, Versorgungsschiffen und reger Berufsschifffahrt steuern wir unserem Ziel entgegen.
Im Koninklijke Marine Jachtclub erwartet uns bereits der Hafenmeister. Nachdem er sich nach der Länge von Nalu erkundigt hat, schwingt er sich auf sein Fahrrad und ruft uns mit einem Lächeln zu:
„Ich habe eine schöne Box für euch – folgt mir!“
In Erwartung des morgigen Sturmes soll der Bug unseres Schiffes in Windrichtung ausgerichtet sein. Das passt zum Glück auch perfekt mit dem zugewiesenen Liegeplatz.
Die Leinen sitzen. Der Motor verstummt. Nach 27 Stunden auf See kehrt plötzlich eine angenehme Ruhe ein. Während draußen Marineschiffe weiterhin ein- und auslaufen, genießen wir den Moment, zum ersten Mal auf dieser Reise niederländischen Boden unter den Füßen zu haben.
Die Niederlande empfangen uns mit ihrer schönsten Seite nach einer Nachtfahrt, die wir so schnell nicht vergessen werden. Es duftet nach Sommer, als wir die Anhöhe zum Fort Harssens erklimmen. Hierbei handelt es sich um eine historische unterirdische Verteidigungsanlage.



Wir werden 3 Tage hier verbringen. Da der Hafen sich auf dem Gelände der Marine befindet, wird streng überwacht, wer ein- und ausgeht. Hohe automatische Rolltore öffnen sich für die Autofahrer. Auf zwei Rädern erkunden wir den Ort. Der Törnführer verrät uns: “Die Stadt mit ihren heute 60 000 Einwohnern ist im 18./19. Jahrhundert groß geworden, zu einer Zeit, als die Niederlande noch ihre Kolonien hatten und zu deren Schutz eine starke Flotte brauchten.” Und weiter: “Das wirklich Sehenswerte ist das Marinemuseum, das etwas westlich vom Fährhafen liegt.” Gesagt, getan. Das Marinemuseum mit den begehbaren historischen Schiffen liefert uns tatsächlich spannende Einblicke in die Geschichte von Den Helder.
Die über 200 Jahre alte Reichswerft aus dem Jahr 1812 beeindruckt uns ebenfalls. 180 Jahre diente sie als Flottenstützpunkt, nachdem Napoleon Bonaparte sie genehmigte. Wie gigantisch! Heute ist die Anlage Teil des Museums. Hier laufen Tag und Nacht Pumpen, um das Wasser des inneren Jachthafens Willemsoord draußen zu halten.

Besonders gut gefällt uns auch die historische Beschriftung der holländischen Gangschaltung auf dem Minensuchboot „Abraham Crijnssen“: „Lang zaam“ „Volle Kracht“ und „ Machine bedankt“. So beschriften wir bei uns an Bord nun auch den Drehzahlmesser bei 1000 Umdrehungen/Minute!
Das Rammschiff „Schorpioen“ mutet skurril an – ursprünglich wurde es konstruiert, um feindliche Schiffe durch Rammattacken zu versenken. Dies erwies sich in der Praxis als schwierig, und das Schiff wurde zum Quartier für die sogenannten Marvas eingesetzt, die Frauen in der Marine.










Zurück vor den hohen Zäunen und Toren des Hafengeländes, muss man vor einer Kamera seinen Schiffsnamen nennen und dann die eigenen Namen. Erst dann wird man wieder hineingelassen. Das funktioniert auf diese Weise 24/7, zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Am 04.07.2026 machen wir die Leinen los. Immer entlang der niederländischen Küste.






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