Den Helder – IJmuiden

Unsere erste Feuertaufe auf der Nordsee

Etappe 5 / 35,2 Seemeilen / 04.07.2026

Am Sonntag, den 4. Juli 2026, legen wir in Den Helder ab. Unser Ziel? Das wissen wir selbst noch nicht so genau. Vielleicht IJmuiden, vielleicht sogar Scheveningen – je nachdem, was Wind und Wetter zulassen.

Die Tide kippt erst etwa eine Stunde nach unserem Auslaufen. Noch strömt das einlaufende Wasser leicht gegen uns aus der Schifffahrtsstraße von Den Helder hinaus. Der Wind steht gegen die Welle. Bei den vorhergesagten 15 Knoten sollte das eigentlich kein Problem sein.

Doch als wir weiter hinaus auf die offene Nordsee kommen, werden aus den angekündigten 15 Knoten schnell 20, in Böen sogar bis zu 25 Knoten. Das kachelt ganz schön. Da der Wind außerdem auflandig steht, hat zunächst nur eines Priorität: möglichst schnell genügend Abstand zur Küste gewinnen.

Unter Maschine stampfen wir uns auf die Nordsee und setzen anschließend zur Stabilisierung etwas Tuch. Hier draußen empfängt uns die berühmt-berüchtigte hackige Nordseewelle. Wind gegen Strom türmt beeindruckende Wellenkämme auf, deren Spitzen immer wieder zu brechen beginnen. Hoch am Wind arbeiten sich Nalu, Segel und Maschine gemeinsam Meter für Meter gen Süden.

Es folgt eine Passage, die uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Nalu vollführt regelrechte Bocksprünge. Immer wieder verschwindet ihr Bug tief in den Wellentälern und das Vorschiff wird komplett geflutet. Die Deckslenzer haben alle Hände voll zu tun und gurgeln lautstark, als wollten sie für ihren Einsatz gelobt werden. Ja, die wilde Fahrt scheint Nalu regelrecht Freude zu bereiten. Spektakulär prallt die Energie der Wellen von ihrer Bordwand ab.

Als wir schließlich genügend Abstand zur Küste gewonnen haben, schalten wir die Maschine aus. Es beruhigt uns ungemein, als wir feststellen, dass Nalu auch ohne Motor mit kleiner Besegelung hoch am Wind sicher von der Leeküste freikommt. Mit dieser Erkenntnis können wir die Fahrt allmählich genießen.

Nalu kommt mit diesen Bedingungen hervorragend zurecht. Und wir sind stolz auf unser Schiff. Stolz darauf, ein Boot zu besitzen, das uns selbst unter solchen Bedingungen das Gefühl von Sicherheit vermittelt. Ja, genau hier und jetzt haben wir das Gefühl, mit dem richtigen Schiff am richtigen Ort zu sein.

Wenn man allerdings versucht, diese Bedingungen fotografisch oder mit der Kamera festzuhalten, sieht alles später erstaunlich unspektakulär aus. Fast wie eine gemütliche Kaffeefahrt. Zumindest geht es uns jedes Mal so, wenn wir uns die Aufnahmen später ansehen.

Wahrscheinlich fehlt dem Betrachter einfach die Referenz. Das Wellenbild wirkt auf Fotos und Videos viel flacher, als es tatsächlich ist. Die zwei bis drei Meter hohen Wellen treffen Nalu in einem Winkel von etwa 45 Grad, heben den Rumpf kraftvoll an und laufen unter ihm hindurch. Das Vorschiff wird immer wieder überspült, während einzelne Wellenkämme ihre Gischt bis über das Deckshaus und die Kuchenbude schleudern. Genau dieses Gefühl von Kraft und Bewegung lässt sich mit einer Kamera nur schwer einfangen.

Nach etwa vier Stunden beruhigt sich die See langsam etwas. Wir sitzen den anstrengenden Amwindkurs aus, so gut es eben geht, und steuern schließlich IJmuiden an. Auch an diesen Schaukelkurs gewöhnt man sich.

Doch selbst dort hat die Nordsee das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die Wellen laufen bis weit in das Vorbecken der Hafeneinfahrt hinein. Wir melden uns über Funk an und bereiten Fender und Leinen für das Anlegemanöver vor.

Kurz vor der Einfahrt in die Box entdeckt Tim plötzlich Nalus Schwesternschiff – die Soulmate. Ihre Crew haben wir erst wenige Monate zuvor beim Losseglertreffen des Verein Trans-Ocean im Frühjahr kennengelernt. Eine wunderschöne, als Ketsch getakelte Motiva 46 in einem wirklich herausragenden Zustand.

Wir winken uns gegenseitig zu. Kurz darauf stehen unsere Freunde bereits am Steg und nehmen unsere Leinen entgegen. Dafür sind wir unglaublich dankbar. Der Wind drückt Nalu immer noch kräftig seitlich auf die Dalben, die zusätzlich mit langen Stahlstangen versehen sind. Das Anlegemanöver verlangt uns noch einmal die volle Konzentration ab. Umso größer ist die Erleichterung, als schließlich alle Leinen sitzen und Nalu sicher in ihrer Box liegt.

Nach diesem wilden Ritt wirkt IJmuiden fast unwirklich ruhig. Der gemütliche Küstenort mit seinem breiten Sandstrand und der weitläufigen Dünenlandschaft lädt geradezu dazu ein, erst einmal tief durchzuatmen. Hier verbringen wir ein paar entspannte Tage und lassen unsere erste richtige Nordseeprüfung noch einmal Revue passieren.

Rückblickend war diese Etappe weit mehr als nur der Weg von Den Helder nach IJmuiden. Sie war unsere erste Feuertaufe auf der Nordsee.

Sie hat uns gezeigt, wie schnell sich Bedingungen auf See verändern können. Vor allem aber hat sie uns etwas viel Wertvolleres geschenkt: tiefes Vertrauen in Nalu.

Ein Vertrauen, das uns auf den kommenden Etappen noch oft begleiten wird.


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