Scheveningen – Boulogne-sur-Mer

Zwischen Sankbänken und Frachtern

Etappe 7 / 134 Seemeilen / 16.07.-17.07.2026

Eine Etappe von knapp 130 Seemeilen klingt zunächst unspektakulär. Ein Blick auf die Karte verrät jedoch schnell, dass die eigentliche Herausforderung nicht die Entfernung ist. Zwischen Scheveningen und Boulogne liegen Sandbänke, einer der meistbefahrenen Schifffahrtswege der Welt und vor allem die Gezeiten. Wer hier einfach lossegelt, wird früher oder später feststellen, dass das Meer seinen eigenen Fahrplan schreibt.

Daher lagen schon am Tag vor der Abreise nicht nur Seekarten und Wetterdaten, sondern auch der Reeds Almanac und die Tidentafeln auf dem Kartentisch. Die entscheidende Frage lautete nicht: „Wie viel Wind haben wir?“, sondern: „Wo wird uns der Strom tragen und wo wird er uns bremsen?“ Unsere Planung bestand aus mehreren Etappen von jeweils fünf bis sechs Stunden. Mit jeder Tide änderte sich unsere Geschwindigkeit über Grund, manchmal deutlich. Ziel war es, den richtigen Moment am Cap Gris Néz zu erwischen, wo die Strömung mehrere Knoten erreichen kann. Eine sorgfältige Planung der gesamten Etappe ist daher unerlässlich. Doch das Meer erinnert einen immer wieder daran, dass gute Seemannschaft nicht darin besteht, starr an einem Plan festzuhalten, sondern bereit zu sein, ihn den Gegebenheiten anzupassen. Denn auf See kommt es oft anders, als man es erwartet.

Früh morgens starten wir bei Sonnenschein und einer leicht versetzten achterlichen Dünung. Bei diesem Kurs fühlt sich Nalu weniger wie eine Segelyacht und mehr wie ein Rodeopferd auf dem Jahrmarkt an. Nur dass man hier nicht nach zwei Minuten wieder absteigen konnte. Mal hob sie ihr Heck entschlossen aus dem Wasser, um sich im nächsten Moment mit Schwung in das nächste Wellental auf die Seite zu werfen. Nachdem wir das verkehrsreiche Gebiet vor der Hoek van Holland hinter uns gelassen haben, beschließen wir, den Kurs leicht zu ändern und die Dünung direkt von achtern anzunehmen. Gleichzeitig baumen wir beide Vorsegel aus, eines nach Steuerbord, das andere nach Backbord. Jedes Segel wird dabei von einem Spinnakerbaum gehalten, sodass sie trotz der Schiffsbewegungen sauber stehen und nicht einfallen. Die Wirkung ist verblüffend.  Aus dem wilden Rodeopferd wurde wieder ein gelassenes Arbeitstier. Das unsägliche Schaukeln wich einer gleichmäßigen Bewegung und zum ersten Mal seit Stunden konnten wir uns wieder frei an Bord bewegen. Nalu glitt ruhig von Wellenrücken zu Wellenrücken, als hätte sie genau auf diesen Kurs gewartet.

Auch der Strom steht zu unseren Gunsten und schiebt mit. Wir machen in dieser ersten Phase gute 6-8 Knoten Fahrt über Grund bei 18 Knoten Wind. Dadurch sind wir unser Planung etwas voraus. Um 15 Uhr auf der Höhe von Middelburg ist Stillwasser, die Tide kippt langsam gegen an. 

Noch bevor wir die belgische Küste erreichen, holen wir die Gastlandflagge hervor. Sie wird an der Steuerbordsaling gesetztohne dass wir auch nur einen Fuß an Land setzen werden. Dennoch gehört es für uns zur guten Seemannschaft, auch ein Land zu grüßen, das wir nur dieses Mal nur vom Wasser aus kennenlernen.

Navigatorisch verlangt uns dieser Küstenabschnitt deutlich mehr ab, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Bereits bei der Törnplanung haben wir unseren Kurs bewusst zwischen zwei Welten gelegt. Weit genug vor der Küste, um die zahlreichen Sandbänke, Untiefen sowie die vielen Fischereifahrzeuge und ihre Netze zu umgehen. Gleichzeitig dicht genug unter Land, um den Verkehrstrennungsgebieten der großen Handelsschifffahrt mit respektvollem Abstand zu begegnen. Rückblickend erweist sich genau dieser schmale Korridor als die richtige Entscheidung.

Etwa alle vier bis sechs Stunden überprüfen wir die eingetragenen Markierungen in der Seekarte mit unserer Position. So überprüfen wir regelmäßig, ob Wind, Strom und unsere Zeitplanung noch zusammenpassen. Gute Vorbereitung bedeutet schließlich nicht, stur an einem Plan festzuhalten, sondern jederzeit zu erkennen, wann es Zeit ist, ihn anzupassen.

Eigentlich müssten wir jetzt sogar etwas Segelfläche reduzieren. Unser Ziel war es, die Straße von Dover erst bei Tageslicht zu erreichen. Doch Nalu scheint heute ihren eigenen Kopf zu haben. Mit einer Sache haben wir nämlich überhaupt nicht gerechnet. Der erwartete Gegenstrom bleibt nahezu aus. Statt wie geplant langsamer zu werden, rauscht Nalu unbeirrt weiter mit sechs, sieben und zeitweise sogar acht Knoten über Grund dahin. Normalerweise freut man sich über jeden zusätzlichen Knoten Fahrt. Heute wird aus der Geschwindigkeit plötzlich ein Problem. Es fühlt sich dennoch falsch an, unser Boot bewusst auszubremsen. Eigentlich wollten wir die anspruchsvolle Passage im Ärmelkanal vor Calaís NICHT im dunkeln bewältigen. Doch ausgerechnet das steht uns nun bevor. Na toll. 

Es kommt wie es kommen musste. Kurz vor Mitternacht liegt Calaís querab. Der Wind kommt platt von achtern und frischt auf 25 Knoten auf. Genau jetzt kippt die Tide gegen uns. Unser größtes Ziel ist es, das Cap de la Hague nicht gegen den Strom zu erreichen. Dort baut sich bei Wind gegen Strom eine berüchtigt unangenehme See auf. Also nehmen wir Geschwindigkeit heraus und lassen Nalu nur noch mit wenigen Knoten über Grund laufen. Die See baut sich deutlich auf. Mit jeder heranrollenden Welle verschwindet die französische Küste für einige Sekunden vollständig aus unserem Blick. Erst stehen die Lichter klar am Horizont, im nächsten Moment schluckt sie ein dunkler Wellenberg, bevor sie wenig später wieder auftauchen. Dieses ständige Auftauchen und Verschwinden vermittelt eindrucksvoll, welche Wassermassen sich unter uns bewegen. Ein seltsames Gefühl. Man weiß, dass die See hoch ist, doch wie hoch genau, möchte man in diesem Moment eigentlich gar nicht wissen. Es würde nichts an unserer Situation ändern. Vor- und Großsegel werden stark gerefft. Das Großsegel binden wir schließlich fest, damit es in den heftigen Bewegungen nicht ständig schlägt. Als wäre das noch nicht genug, treffen uns zusätzlich immer wieder gewaltige seitliche Wellen. Während Nalu diese scheinbar völlig gelassen hinnimmt, werden wir unter Deck immer wieder gegen die Bordwand gerollt. An Schlaf ist in der Freiwache kaum zu denken.

Gleichzeitig kreuzen unzählige Frachtschiffe und Fischer unseren Weg. Die Fischer bleiben dabei der unberechenbarste Teil des Verkehrs. Während ein Frachter meist stoisch seinen Kurs hält, ändern die kleinen Arbeitsboote scheinbar ohne Vorwarnung Richtung und GeschwindigkeitMehrfach müssen wir halsen, um genügend Abstand zu halten. In diesen Momenten zeigt sich, wie wertvoll unser AIS ist. Das Automatic Identification System überträgt Position, Kurs und Geschwindigkeit anderer Schiffe direkt auf unseren Kartenplotter. Gerade nachts verschafft uns das einen enormen Sicherheitsgewinn. Trotzdem ersetzt auch moderne Technik niemals den wachsamen Blick nach draußen. Die Dunkelheit und die hohen Wellen machen es oft schwer, die Positionslichter der Schiffe frühzeitig auszumachen. Spontane Ausweichmanöver gehören in dieser Nacht immer wieder dazu.

Des öfteren schweifen unsere Gedanken außerdem zu einem Thema, das in diesem Seegebiet leider allgegenwärtig ist. Denn Flüchtlingsbooten im Ärmelkanal. Doch bei Wind, Wellen und Dunkelheit können wir uns kaum vorstellen, dass sich in dieser Nacht tatsächlich jemand mit einem Schlauchboot auf den Weg macht. Ein beruhigender Gedanke ist das trotzdem nicht.

Irgendwann beginnt der Himmel langsam heller zu werden. Mit den ersten Sonnenstrahlen verändert sich die Stimmung schlagartig. Der Wind lässt nach, die See beruhigt sich und plötzlich wirkt alles wieder überschaubar. Was die Dunkelheit verborgen hat, liegt nun klar vor uns. Die Anspannung der vergangenen Stunden fällt langsam von uns ab. Fast auf die Minute genau erreichen wir das Cap Gris Néz zum berechneten Zeitpunkt. Der Strom trägt uns nun sanft um das Kap, als wollte er sich für die anstrengende Nacht entschuldigen.

Noch eine Wende und zwei Stunden später melden wir uns per Funk im Hafen an. Derzeit findet das 60. Jubiläum des Fest des Meeres: Die Opalküste feiert das Meer  “La Côte d’Opale Fête la Mer” rund um das Hafenbecken herum statt und die Marina befindet sich mittendrin.

Beim Anlaufen des Hafens von Boulogne-sur-Mer beeindrucken die gigantischen historischen Festungsanlagen. Hier herrscht ein Tidenhub von durchschnittlich 8,8 Metern und dementsprechend sind die Befestigungsanlagen dimensioniert. Eine Holzkonstruktion von derartigen Ausmaßen haben wir so auch noch nicht gesehen. Der 38 km lange Fluss Liane flutet hier ungeachtet der Gezeiten ständig gewaltige Wassermassen ins Hafenbecken. Der Ort ist bekannt für seine traditionelle Fischerei. Und: hier ist vielleicht was los!

Im Hafen selbst werden wir sogleich von freundlichen Menschen empfangen, die unsere Leinen annehmen. Die Marina gefällt uns ausgesprochen gut. Hier können wir uns erholen, stets untermalt von französischen Seemannsliedern, Chantys, Chören und keltischem Folk Rock, welche von drei verschiedenen Bühnen aus ertönen. 145 Aussteller rund um das Meer. Es duftet nach kulinarischen Köstlichkeiten wie Crêpes, Waffeln, aber auch Fisch und deftigen Spezialitäten. Es gibt historische Schiffe zu besichtigen, Eintauchen in die Geschichte von Magellan auf der Nao Victoria (die einzigartige Nachbildung des Schiffes, das vor fünf Jahrhunderten unter der Führung von Magellan und Elcano das größte jemals realisierte Seeabenteuer vollbrachte: die erste Circumnavigation, 1519-1522), eine Erkundung der Welt der Imocas auf “Reporters du large” von Fabrice Amadeo, Mini-Kreuzfahrten, Animationen, Kunst zum Mitmachen an allen Ecken, auch wissenschaftliche Erkenntnisse werden mit Vorträgen und direkt am Mikroskop für jeden erlebbar. So zum Beispiel alle vier Entwicklungsstadien der Quallen. Das Bewusstsein wird gestärkt für die Zukunft der Meereswelt und ganz allgemein für alle natürlichen Lebensräume, die es unbedingt zu erhalten gilt. 

Die französische Marine Nationale feiert 400 jähriges Bestehen und lässt natürlich auch ihre Muskeln spielen: Es gibt neben vielen Einblicken in die Arbeit der Marine auch Schiffsbesichtigungen und Hubschraubervorführungen. Am Abend hat das größte Aquarium Europas, das “Nausicaá” zur Feier unserer Ankunft und ihres 35. Jubiläums riesige beleuchtete Wasserspiele am Strand vorbereitet. Danach ein Feuerwerk. Wir fühlen uns sehr willkommen mitten im Herzen und der Seele Frankreichs. Sogar eine Piratenband tritt auf, die Gruppe “Rhumlake” mit Pirate Punk rock, ein Ableger der Band “Barbar’O’Rhum” aus Toulouse. Jack Sparrow ist persönlich angereist und vollführt ausgelassene Freudentänze mit dem Publikum.

Nach drei Tagen Rummel und weiterer Törnplanung machen wir am Montag, dem 20.07.2026 wieder die Leinen los. Cherbourg heißt unser nächstes Ziel.

Hinter uns lag eine der anspruchsvollsten Nächte unserer bisherigen Reise. Vor uns warteten nach Cherbourg die Kanalinseln und wir ahnten noch nicht, dass auch dort das Meer bereits die nächste Überraschung für uns bereithielt.


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