Etappe 8 / 20.07.2026-21.07.2026 / 149 Seemeilen
Als wir am Morgen des 20. Juli. den Hafen von Boulogne-sur-Mer verlassen, liegt eine glasklare See vor uns. Das Ziel ist Cherbourg. Es wird wieder einmal eine durchsegelte Nacht werden, und wieder haben wir uns viele Gedanken gemacht.
Cherbourg ist bekannt für seine imposante Hafenfestungsanlage, die Rade de Cherbourg. Es ist nicht nur der Hafen mit der zweitgrößten, von Menschenhand errichteten Befestigungsanlage (1500 Hektar), sondern mit 70 Jahren Bauzeit (von der ersten Holz-Steinkegel-Konstruktion Ludwigs XVI. 1783 bis zur finalen Fertigstellung des massiven Seeforts unter Napoleon III. im Jahre 1853) auch jener mit einer der längsten Bauzeiten der Welt. Es ist auch das “Tor nach Amerika”. Die größten Passagierschiffe der Welt haben hier abgelegt, darunter auch die Titanic auf ihrer tragischen Jungfernfahrt am 10. April 1912.
Mit der Tide nach Cherbourg
Eine Strecke von Boulogne-sur-Mer nach Cherbourg sieht auf der Karte zunächst ziemlich überschaubar aus: immer entlang der französischen Küste, irgendwann um die Ecke und schon ist man da. Zumindest ungefähr.
Inzwischen hatten wir allerdings gelernt, dass die französische Küste ihre ganz eigenen Vorstellungen davon hat, wie man möglichst unkompliziert von A nach B kommt. Und diese Vorstellungen werden vor allem von den Gezeiten bestimmt.
Also begann auch diese Etappe nicht mit dem Ablegen, sondern schon am Abend vorher am Kartentisch. Papierseekarten raus, Reeds Almanac daneben, Tidentafeln aufgeschlagen und losgerechnet. Wir teilten die Strecke in einzelne Abschnitte, zeichneten Strömungsrichtungen ein und verteilten kleine Post-its mit Uhrzeiten und erwarteten Stromstärken über die Karten. Wann kippt die Tide? Wo läuft der Strom mit uns, wo gegen uns? Und wann sollten wir ungefähr an welchem Punkt sein, damit das alles irgendwie aufgeht?
Nach einer Weile sah unser Kartentisch weniger nach Navigation und mehr nach einer Mischung aus Schulprojekt und Ermittlungsakte aus. Aber… Wir hatten einen Plan. Und überraschenderweise schien sich zunächst sogar das Meer daran halten zu wollen.
Tagsüber hatten wir herrliche Bedingungen. Der Wind kam über weite Strecken von achtern und wir konnten beide Vorsegel ausbaumen. Im Schmetterling lief Nalu entspannt entlang der französischen Küste. Ein Segel nach Backbord, das andere nach Steuerbord und wir mittendrin mit erstaunlich wenig zu tun.
Nach den navigatorisch anspruchsvolleren Etappen der vergangenen Tage war das eine ziemlich willkommene Abwechslung. Kein hektisches Reffen, kein ständiges Ausweichen und kaum Schiffsverkehr. Einfach segeln und Nalu laufen lassen.
Am Abend ging die Sonne über dem Wasser unter und schenkte uns einen dieser Sonnenuntergänge, bei denen man für einen Moment vergisst, dass auf einem Segelboot eigentlich grundsätzlich irgendwo etwas repariert, gewartet oder geputzt werden müsste. Auch für die kommende Nacht sah alles wunderbar entspannt aus. Die See war ruhig und erstaunlicherweise begegneten uns kaum andere Schiffe. Nach den stark befahrenen Gewässern der vergangenen Etappen war das fast ungewohnt.
Wir teilten unsere Wachen ein und konnten während unserer Freiwachen tatsächlich beide ganz gut schlafen. Wobei „gut schlafen“ auf einem fahrenden Segelboot natürlich eine sehr eigene Definition hat. Das Boot bewegt sich, irgendwo klappert garantiert etwas, das am Vortag noch nicht geklappert hat, und selbst im Schlaf scheint ein kleiner Teil des Gehirns weiterhin jedes Geräusch daraufhin zu überprüfen, ob es normal ist oder der sofortigen Aufmerksamkeit bedarf.
Man bekommt also durchaus ein paar Stunden Schlaf – und fühlt sich am nächsten Morgen trotzdem ein bisschen so, als hätte man die Nacht auf einer Waschmaschine verbracht.
Aber Nalu lief und die Nacht verlief angenehm unspektakulär. Eigentlich hätte es genauso weitergehen können.Ungefähr zehn Seemeilen vor Barfleur hatte der Wind allerdings andere Pläne. Er wurde immer schwächer und verabschiedete sich schließlich fast vollständig. Und weil eine Flaute allein offenbar noch nicht interessant genug gewesen wäre, kippte ungefähr zur gleichen Zeit auch die Tide gegen uns. Zunächst wurden wir einfach langsamer. Dann noch langsamer. Und irgendwann zeigte Nalus Bug zwar weiterhin ziemlich überzeugend Richtung Cherbourg, unsere Position auf der Karte allerdings nicht mehr. Wir fuhren rückwärts.
Natürlich hätten wir jetzt den Motor starten können. Ein paar Stunden Diesel verbrennen, gegen mehrere Knoten Gezeitenstrom ankämpfen und mit viel Lärm vermutlich trotzdem nur überschaubare Fortschritte machen. Aber das Wetter war schön, die See ruhig und wir hatten keinen Zeitdruck. Warum also eigentlich? Also beschlossen wir, für eine Tide eben rückwärts zu segeln. Es gehört zu den etwas merkwürdigeren Erfahrungen einer Segelreise, entspannt im Cockpit zu sitzen und auf dem Plotter dabei zuzusehen, wie das Ziel langsam weiter entfernt statt näher kommt. Normalerweise wäre das vermutlich ein Grund zur Sorge. Für uns war es in diesem Moment einfach der neue Plan. Nalu zeigte weiterhin Richtung Cherbourg, während uns das Wasser Stück für Stück zurückschob. Vielleicht ist genau das eine der Lektionen, die wir auf dieser Reise zunehmend lernen. Das Meer interessiert sich herzlich wenig dafür, was auf unseren Post-its steht. Natürlich kann man versuchen, dagegen anzukämpfen. Manchmal ist es aber wesentlich entspannter, ein leckeres Abendessen zu kochen und zu warten.
Denn eines wussten wir ziemlich sicher. Die Tide würde wieder kippen. Und einige Stunden später tat sie genau das. Aus dem Strom, der uns zuvor wieder zurückgetragen hatte, wurde plötzlich unser Verbündeter. Das Wasser begann nun in die richtige Richtung zu laufen und nahm uns mit Richtung Cherbourg. Nur der Wind hatte inzwischen endgültig Feierabend gemacht. Bei völliger Flaute starteten wir deshalb für die letzten Meilen doch noch den Motor. Immerhin jetzt mit dem Strom. Man muss seine Siege nehmen, wie sie kommen.
Schließlich tauchte Cherbourg vor uns auf und nach der langen Passage machten wir Nalu im Hafen fest. Der erste Punkt auf unserer äußerst ambitionierten To-do-Liste war schnell gefunden: ausschlafen!
Nachdem wir einige Stunden Schlaf nachgeholt haben, zeigte sich was die vergangenen Tage auf See hinterlassen hatten. An Deck hatte sich eine beeindruckende Salzkruste gebildet und Nalu konnte dringend etwas Aufmerksamkeit gebrauchen. Mit der Menge an Salz hätte man entspannt eine Vielzahl von Portionen an Pommes würzen können. Also wurden Schlauch und Bürsten ausgepackt und geschrubbt, bis unter all dem Salz tatsächlich wieder unser Boot zum Vorschein kam.
Daneben standen die üblichen Dinge an, die einen Hafenaufenthalt bei uns inzwischen erstaunlich zuverlässig füllen. Wir besorgten einige Teile beim örtlichen Bootsausrüster, erledigten kleinere Arbeiten und machten einen großen Lebensmitteleinkauf, um die Vorräte für die nächsten Etappen wieder aufzufüllen.
Zwischen Putzen, Einkaufen und Schrauben gab es allerdings noch einen ziemlich guten Grund, Werkzeug und Putzzeug für einen Abend liegenzulassen. Tim hatte Geburtstag. Also blieb die Bordküche kalt und wir gingen abends gemütlich essen. Nach den vergangenen Tagen auf See tat es gut, einfach an einem Tisch zu sitzen, etwas Leckeres vor sich zu haben und für ein paar Stunden nichts navigieren, reparieren oder schrubben zu müssen.
Insgesamt blieben wir drei Tage in Cherbourg. Genug Zeit, um auszuschlafen, Nalu wieder etwas auf Vordermann zu bringen, Vorräte aufzufüllen und die Liste der offenen Arbeiten zumindest so weit zu verkürzen, dass man die verbleibenden Punkte wieder guten Gewissens ignorieren konnte.
Am 24. Juli machten wir Nalu erneut seeklar, verstauten die Einkäufe, lösten die Leinen und ließen Cherbourg hinter uns.
Unser nächstes Ziel lag gar nicht besonders weit entfernt: Alderney. Eine der selbstverwalteten Kanalinseln, welche der britischen Krone unterstehen.
Doch zwischen uns und der kleinen Kanalinsel wartete ein Revier, vor dem wir durchaus Respekt hatten. Denn wenn wir auf den vergangenen Etappen eines über die Gezeiten gelernt hatten, dann, dass ein paar Knoten Strom offenbar immer noch steigerungsfähig sind.







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